Ingrid Beck’s Geschichte mit Morbus Crohn

Ingrid Beck Geschichte Morbus Crohn

Ich erinnere mich zurück. An den Tag Ende März 2009, an dem ich die Diagnose Morbus Crohn bekommen habe. Eingeliefert ins Krankenhaus als Notfall, nachdem ich seit Wochen und Monaten blutige Durchfälle gehabt habe. Unfähig, zu laufen, alleine aufzustehen oder mich alleine zu waschen. Mittags sitze ich vor meinem Essen und kann nicht einmal mehr alleine die Gabel zum Mund führen oder das Fleisch klein schneiden.

Innerlich habe ich das Gefühl zu verbrennen, selbst der kleinste Schluck Wasser bringt meinen Darm zum Randalieren. Ich hänge am Tropf, habe die erste Magen-Darm-Spiegelung hinter mir und einfach nur noch Angst vor der Diagnose.

Erinnerungen an meine Mutter werden wach, die an Darmkrebs verstorben ist, als ich gerade 14 Jahre alt war. Zwischenzeitlich habe ich so viel Blut verloren, dass man ernsthaft über eine Bluttransfusion nachdenkt, sollte sich der Hb-Wert nicht in den nächsten Tagen von alleine erholen. Ich habe massive Herzrhythmusstörungen, weil der Kaliumspiegel ebenfalls jenseits von Gut und Böse liegt. Die Blutplättchen haben gerade die 1 Millionen-Marke geknackt – 3 Mal so viel, wie normal sind. Als man mich hier auf die Waage stellt, sehe ich mich Entsetzen, dass ich weit über 20 kg verloren habe und wohl zum ersten Mal in meinem Leben untergewichtig bin.

Als die Ärzte das Zimmer betreten, rast mein Herz. Ich weiß nicht, was ich gleich hören werde. Dann ist es draußen: “Frau Beck, Sie haben eindeutig Morbus Crohn. Ihr ganzer Darm ist befallen. Von der Speiseröhre bis zum Enddarm. Wir werden mit einer Cortison-Therapie anfangen.”

Und noch ein Satz bleibt hängen: “Sie sind eigentlich viel zu alt für diese Diagnose.” Das mag sein, denke ich, aber ich habe gerade Monate der Hölle hinter mir. Auf der Suche nach Liebe war ich Ende 2007 via Internet auf Partnersuche und bin an einen Psychopathen geraten, an einen Stalker, der mir über Monate ein Leben in Angst und Schrecken bescherte. Das war der Zeitpunkt, an dem sich der Crohn bereits das erste Mal meldete. Aber immer wieder war ich in dem Glauben, wenn er aufhört, mich zu terrorisieren, wird sich auch mein Bauch wieder beruhigen.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus beschäftige ich mich zum ersten Mal wirklich mit meiner Diagnose. Die Nebenwirkungen der Medikamente bringen mich manchmal an den Rand der Verzweiflung. Es geht alles nur noch sehr langsam und mir fehlt die Geduld. Fest steht aber auch, dass ich lange, sehr lange krankgeschrieben sein werde.

Über ein Jahr bin ich zuhause, bevor ich überhaupt wieder ans Arbeiten gehen denken kann.

Knapp 4 Jahre verhält sich mein Darm ruhig, aber eine andere Folge des Crohn wird zur Plage und zur Herausforderung. Innerhalb von ganz kurzer Zeit bilden sich immer wieder Abszesse und es wird zum Standard, mindestens zwei Mal im Jahr im Krankenhaus zu liegen. Das Heilen der Wunden dauert immer wieder Wochen und Monate. Jedes Mal aufs Neue ein so langwieriger Prozess.

Es bricht zusätzlich Arthritis aus, die mir ein normales Bewegen zeitweise unmöglich macht. Oft brauche ich Gehhilfen und meine Feinmotorik ist auch im Eimer.

Anfang 2014, ich hatte gerade im August 2013 eine neue tolle Arbeitsstelle gefunden, werde ich mit Notarzt und Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Kurz nach Antritt meines neuen Jobs wieder Operationen wegen Abszessen. Es macht sich wieder ein neuer Schub bemerkbar, aber ich will meine neue Arbeitsstelle nicht verlieren. Dieses Mal ist der Schub schlimmer als 2009. Ich verbringe Phasen im Rollstuhl, brauche Hilfe bei allem und dieses Mal muss auch das Kniegelenk punktiert werden, weil sich der Crohn auch da breitgemacht hat. Wochenlang gehe ich an Krücken, bis ich wieder alleine stehen und gehen kann. Das Ergebnis der Orthopäden ist fatal: ich habe so gut wie kein Gelenk mehr im Körper, dass noch unbeschadet ist. Seit August 2014 bin ich befristet berentet.

Ich bin dem Sensenmann seit 2009 mehrfach von der Schippe gesprungen, aber dennoch ist mein Kampfgeist ungebrochen. Ohne Zweifel hat sich mein Leben durch die Krankheit verändert.

Es sind nicht mehr die “großen” Dinge, die ich brauche, um zufrieden oder glücklich zu sein, denn ich habe gelernt, meinen Blick wieder auf die kleinen Dinge zu richten.
Ich kann mich dermaßen über Kleinigkeiten freuen, wie es vor der Erkrankung niemals vorstellbar gewesen wäre.

Seit 2008 stehe ich in der Öffentlichkeit. Ich habe eine bundesweite Initiative für Stalkingbetroffene gegründet und berate heute mit meinem Team andere Betroffene, halte Vorträge zu dem Thema und nerve die Gesetzgeber, weil sich vieles im Sinne der Opfer ändern muss.
Ich habe viele Fernsehbeiträge gemacht und oft war meine Geschichte in den Printmedien zu lesen.

Lange habe ich meine Erkrankung verschwiegen, weil ich dachte, es könnte mir zum Nachteil werden. Zwischenzeitlich habe ich verstanden, dass es eigentlich genau andersherum ist: trotz meiner Krankheit habe ich so viel erreicht. Ich verschweige sie nicht mehr, sondern rede darüber.

Mein Leben ist trotz Erkrankung nicht schlechter geworden, sondern einfach nur anders.

Viele liebe Grüße
Ingrid

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Hast auch du Lust deine eigene Geschichte hier zu erzählen, so würde es mich sehr freuen, wenn du dich über mein Kontaktformular meldest.

 

2 Kommentare zu “Ingrid Beck’s Geschichte mit Morbus Crohn

  1. Sven

    Hallo Ingri,
    Vielen 🙂 Dank für den ehrlichen und offen Bericht.
    Hut ab für den Mut an die Öffentlichkeit zu gehen, CM und Staking!!!
    Viel Gesundheit und Glück wünsche ich dir
    Gruß Arni

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